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DT-Finanzkolumne Ausgabe November

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Unsere monatliche DT-Finanzkolumne wird betreut von Uwe Herrlinger. Er ist Partner bei der unabhängigen Vermögensverwaltung swisspartners AG in Vaduz:

„Die Bullenmärkte werden durch Pessimismus geboren, wachsen durch Skepsis, reifen durch Optimismus heran und sterben durch Euphorie. Die beste Kaufzeit liegt in der Periode des maximalen Pessimismus. Beste Verkaufszeit ist die Periode des maximalen Optimismus.“

Sir John Templeton

Angesichts der relativ geringen Volatilität der US-Aktienmärkte, gemessen am VIX-Index, sind viele Beobachter nach wie vor besorgt, dass die Anleger selbstgefällig geworden sind und wir uns dem Ende dieser zyklischen, rund sieben bis acht Jahre dauernden, Aktienhausse nähern. Eine alternative Erklärung für die gedrückte Volatilität an den Märkten könnte sein, dass das Aufkommen passiver index-orientierter Anlagen, computergesteuerte Strategien, Interventionen der Zentralbanken (QE) und alternative Strategien wie dem Verkauf von Volatilitäten zur momentanen Dämpfung der Volatilität in den Aktienindizes beigetragen haben.

Interessanterweise ist die Volatilität auf der Ebene der einzelnen Aktien relativ hoch geblieben, wobei tägliche Bewegungen um zehn Prozent und mehr in Blue Chips (Aktien besonders hohem Wert) keine Seltenheit sind. Dies ist vielleicht wiederum zum Teil auf das Aufkommen von passiven Anlagen sowie den Rückgang der Anzahl aktiver Anleger bzw. Stockpickers zurückzuführen. Für diejenigen, die bereit sind, gegen den Strom zu schwimmen, kann dies durchaus interessante Gelegenheiten bieten.

Die Märkte bewegen sich weiterhin nach oben. Dies trotz vieler kurzfristiger Herausforderungen, wie z. B. der kriegerischen Rhetorik zwischen den USA und Nordkorea. Wir glauben, dass sich dies im gewohnten Stil fortsetzen dürfte und das Risiko einer Eskalation katastrophalen Ausmasses sich in Grenzen halten wird etwa im Rahmen von fünf bis zehn Prozent.

Die jüngsten Ereignisse in Katalonien haben die Anleger verunsichert und zu einer kurzfristigen Unterperformance der europäischen im Vergleich zu den US-amerikanischen Aktien geführt. Jetzt ertönen sogar in einzelnen italienischen Regionen wie Lombardei und Venetien Rufe nach Unabhängigkeit. Wenn das so weitergeht, stände natürlich die EU auf unsicheren Beinen. Selbst Bayern beklagt sich regelmässig über den hohen finanziellen Beitrag, den es nach Berlin abliefern muss.

Es ist definitiv Zeit für einen Realitäts- und Faktencheck. Beim jüngsten (illegalen) Referendum in Katalonien gingen nur 43% der Bevölkerung an die Urnen, wovon 90% für die Unabhängigkeit gestimmt haben. Dies stellt weniger als 39% der katalanischen Gesamtbevölkerung dar – kaum ein Aufruf zur Gründung eines neuen unabhängigen Kataloniens. Es ist nun wahrscheinlich, dass die Autonomie Kataloniens von Madrid vorübergehend bis zu den neuen Regionalwahlen aufgehoben wird; wahrscheinlich der einzige Weg, den die spanische Regierung realistischerweise einschlagen kann.

Zweifellos wird die Rhetorik zwischen den beiden Parteien hitzig bleiben. Schon angesichts der Weigerung Europas, das Ergebnis des Referendums anzuerkennen, der hohen wirtschaftlichen Abhängigkeit Kataloniens von der EU sowie Spaniens (zwei Drittel der katalanischen Exporte gehen in die EU und über 35% der katalanischen Exporte nach Spanien) sowie der sehr konkreten Gefahr, dass viele Unternehmen in andere Teile Spaniens umziehen werden (einige haben es bereits getan), erscheint ein unabhängiges Katalonien eher unrealistisch. Ausserdem würde die Schuldenquote Kataloniens im Falle einer Unabhängigkeit von zurzeit 33 auf 100% schnellen, wozu noch der Anteil an den Schulden Spaniens übernommen werden muss. Ganz zu schweigen, dass ein EU-Betritt von allen Mitgliedländern der EU, also auch von Spanien, gutgeheissen werden müsste.

Um auf das eingangs erwähnte Zitat dieser Kolumne zurückkommen: Es erscheint offensichtlich, dass wir uns noch nicht in der Euphorie-Phase dieser Hausse befinden. Es gibt überzeugende Argumente, dass wir uns noch im skeptischen Stadium bewegen. Wir sind also erst auf halber Strecke und haben noch einen weiten Weg vor uns.

Interessierte Leser unserer DT-Finanzkolumne können mich gerne über die E-Mail-Adresse: uwe.herrlinger@swisspartners.com kontaktieren.

Uwe Herrlinger, swisspartners AG Zürich, Foto: (c) privat

Uwe Herrlinger, swisspartners AG Zürich, Foto: (c) privat

Uwe Herrlinger, Jahrgang 1968, ist gebürtiger Homburger. Nach dem Abitur am Saar-Pfalz-Gymnasium, Banklehre bei der Dresdner Bank in Saarbrücken und Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Passau verdiente er sich zunächst seine Sporen im Investment Banking Geschäft in der City von London. Er baute dann in Frankfurt das Firmenkundengeschäft für eine spanische Großbank auf, bevor er vor 13 Jahren in die Schweiz zog. Dort arbeitete er zunächst für die Privatbank Vontobel im Asset Management und betreute dann vermögende Privatkunden bei UBS, der grössten Schweizer Bank. Seit 2013 ist er Partner bei der unabhängigen Vermögensverwaltung swisspartners AG in Vaduz.

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